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Leukämien in Deutschland

Erstellt von: Hellenbrecht (Informationszentrum Projekt 2) , am: 14.11.2006, letzte Änderung: 21.02.2008

Jährlich erkranken bis zu 12.000 Menschen in Deutschland an Leukämie - darunter 600 Kinder

Häufigkeit von Leukämien bei Erwachsenen in Deutschland

Autoren: A. Hellenbrecht, D. Messerer, N. Gökbuget (Teilprojekte 2 + 21) Stand: 2003
Aktualisierung der ALL-Inzidenzen 2007 (M. Hartog/TP2)

Vorbemerkungen

Bisher existiert in Deutschland – im Gegensatz zu den meisten anglo-amerikanischen und einigen skandinavischen Ländern – kein zentrales Register zur Erfassung von Leukämiefällen bei Erwachsenen. Im Gegensatz dazu werden seit 1980 im Deutschen Kinderkrebsregister1 95% aller Krebsfälle bei Kindern bis 15 Jahren registriert.
Somit ist bei Erwachsenen derzeit keine zuverlässige Aussage über die Inzidenz von Leukämien in Deutschland möglich; es liegen lediglich grobe und durch vielfältige Faktoren beeinträchtigte Schätzwerte vor.
Gleichzeitig besteht aber ein großes öffentliches Interesse an entsprechendem Zahlenmaterial, z.B. von Seiten der Gesundheitspolitik, Kostenträgern, Pharmaunternehmen oder der Presse.

Problematik

Der limitierende Faktor bei der flächendeckenden Dokumentation von Krebs-Häufigkeiten sind regulatorische Beschränkungen wie z.B. die in Deutschland gültigen Datenschutzbestimmungen.
Einige Bundesländer (z.B. Saarland, Rheinland-Pfalz, Niedersachsen, Brandenburg, Hamburg, Sachsen, Mecklenburg-Vorpommern, u.a.) verfügen zwar über lokale Krebsregister 2, die Angaben dieser Register sind jedoch naturgemäß nicht flächendeckend, und ohne Aufgliederung der einzelnen Unterformen der Leukämien nicht sehr aussagefähig.
Auch der - vom Robert-Koch Institut 3 veröffentlichte – Krebsbericht für Deutschland bezieht sich auf Zahlen aus lokalen Krebsregistern.
Um Abhilfe zu schaffen, wurde im Rahmen des Projektes 2 (Informationszentrum) in Kooperation mit den Projekten 21 (Epidemiologie) und 17 (MDS) der Versuch unternommen, Schätzwerte für die Häufigkeit von Leukämien auf nachvollziehbarer Grundlage zu generieren.

Projekt 21 im Kompetenznetz Leukämien

Das Projekt 21 im Kompetenznetz Leukämien befasst sich mit der Epidemiologie von hämatologisch/onkologischen Erkrankungen in Deutschland.
Im Rahmen des Projekts wurde ein neuer Ansatz zur Ermittlung epidemiologischer Kennzahlen bei Leukämien entwickelt. Über heterogene Datenquellen wie Diagnostiklabors, die GMALL-Studiengruppe und verschiedene Kliniken, konnten Fallzahlen von ALL-Patienten ermittelt und abgeglichen werden. Diesen Ergebnisse konnten Zahlen aus internationalen Krebsregistern (SEER, Leukemia Research Fund U.K., Netherlands Cancer registry) gegenübergestellt werden 5.
Mit einem ähnlichen Verfahren wurden auch Schätzwerte für die Akute myeloische Leukämie erstellt werden 6.

Methodik

Damit möglichst rasch zumindest grobe Schätzzahlen zur Verfügung gestellt werden können, wurde hier ein anderes Verfahren eingesetzt. Um eine Aussage über die Häufigkeit der verschiedenen Leukämieformen und deren Altersverteilung in Deutschland zu treffen, wurden Häufigkeitsangaben aus dem größten Krebsregister Amerikas (SEER) 7 verwendet und mit den Bevölkerungsdaten für Deutschland verrechnet.
Da bei SEER keine Angaben zu MDS existieren, wurde hierzu Datenmaterial von Prof. C. Aul 8, verwendet.
Limitierende Faktoren bezüglich der Vergleichbarkeit mit US-Zahlen ergeben sich u.a. durch:

  • Unterschiedliche Inzidenzen z.B. durch regionale Faktoren, unterschiedliche Klima- und Umweltbedingungen
  • Unterschiedliche Definition/Einordnung der Erkrankungen in einzelne Unterformen (Bspl. CLL/MDS)
  • Schwierigkeiten bei der statistischen Erfassung von Patienten aus höheren Altersklassen (z.T. nicht gemeldet/dokumentiert)

Für diese Untersuchung wurden folgende Leukämieformen und verwandte Erkrankungen ausgewertet

  • Akute lymphatische Leukämie (ALL)
  • Akute myeloische Leukämie (AML)
  • Chronische myeloische Leukämie (CML)
  • Myelodysplastische Syndrome (MDS)
  • Chronische lymphatische Leukämie (CLL)

Die myelodysplastischen Syndrome wurden aufgrund ihrer engen Verwandtschaft zu den Leukämien in die Auswertung miteinbezogen. Auch Zahlen für die chronische lymphatische Leukämie, wurden mitaufgeführt, da sie aufgrund Ihrer Bezeichnung von Laien im Allgemeinen als Leukämie angesehen werden. Aufgrund ihrer Biologie werden sie jedoch den niedrigmalignen Non-Hodgkin-Lymphomen zugeordnet.

Als Berechnungsgrundlage dienten Inzidenzangaben aus dem SEER-Register für weiße Personen beiderlei Geschlechts. Die Inzidenzen wurden mit den Bevölkerungsdaten für Deutschland (2000) des Statistischen Bundesamtes verrechnet. Die untere Altersgrenze der zur Berechnung herangezogenen Daten lag bei 15 Jahren. Das Procedere war wie folgt:

  1. Über das Internet (SEER) wurden Inzidenzen der einzelnen Leukämieformen in den USA ermittelt. Verwendet wurden dabei Daten für beide Geschlechter weißer Hautfarbe in unterschiedlichen Altersstufen.
  2. Anhand einer Altersverteilung für Deutschland (Stat. Bundesamt 2000) wurden gleiche Altersgruppen wie die bei SEER verwendeten gebildet.
  3. Die Verrechnung der Inzidenzen für USA mit der Anzahl der Personen einer jeweiligen Altersklasse in Deutschland ergab eine absolute Zahl (Fallzahl).
Beispiel:
 

Inzidenz (SEER) für ALL, 1995-1999:
- beide Geschlechter
- Alter 20 – 24
- weiße Hautfarbe
= 0.8228/100.000 Einwohner.
Laut Statistischem Bundesamt gab es im Jahr 2000 in Deutschland 4 644 257 Personen in dieser Altersklasse.
4 644 257 : 100 000 = 46,44 x 0,8228 = 38,21
Fazit: schätzungsweise 38 Menschen zwischen 20 und 24 Jahren erkranken jährlich in Deutschland an akuter lymphatischer Leukämie

Nach diesem Vorgehen wurden Zahlen für alle Altersklassen ermittelt.
In den unten aufgeführten Graphiken handelt es sich also bei Inzidenzangaben um die Originaldaten aus dem US-Register SEER und bei den Fallzahlen um die daraus berechneten Werte (außer MDS > Originaldaten Prof. C. Aul).
Alle Inzidenzen sind angegeben als Neuerkrankungen pro 100 000 Einwohnern pro Jahr

Ergebnisse

Alle Leukämieformen (ohne MDS)

Alter
Fälle/Jahr
Inzidenz
15 bis 19
107
1,1
20 bis 24
121
1,4
25 bis 29
123
1,3
30 bis 34
188
1,4
35 bis 39
253
1,6
40 bis 44
288
2,3
45 bis 49
399
3,3
50 bis 54
618
5
55 bis 59
805
8,5
60 bis 64
1441
14,2
65 bis 69
1546
22,3
70 bis 74
1859
34,8
75 bis 79
1839
48
80 bis 84
1097
63,9
85+
1287
82,9
Summe
11 864
Inzidenz = 1999 Fälle/Jahr USA = geschätzte Fälle BRD
Inzidenz ALL USA

Inzidenz

 
Fälle pro Jahr BRD

Fälle pro Jahr

 

Häufigkeit einzelner Leukämieformen

Während bei den Adoleszenten (< 20 Jahre) die ALL die häufigste Leukämieform darstellt, erkranken ältere Menschen vor allem an CLL und MDS.

Inzidenz USA 1995-1999 (*ALL-Daten USA 2000-2004)
85+ 2,0 20,5 12,2 32,2  
Alter ALL* AML CML CLL MDS
15 bis 19 1,9 0,7      
20 bis 24 0,9 1,2      
25 bis 29 0,7 1 0,6    
30 bis 34 0,7 1 0,9    
35 bis 39 0,7 1,3 0,8 0,3  
40 bis 44 0,6 1,8 0,9 0,7  
45 bis 49 0,7 2,2 1,2 1,8  
50 bis 54 0,8 3,7 1,8 4,1 1,8
55 bis 59 1,0 4,7 2,2 6,5  
60 bis 64 1,0 7,4 3,6 9,4 8,7
65 bis 69 1,4 11,5 5 15  
70 bis 74 1,5 16,1 6,4 20,4 22,8
75 bis 79 1,7 19,2 8,3 23,6  
80 bis 84 1,3 21,7 10,7 26,2 27,6
geschätzte Fälle/Jahr BRD
Alter ALL AML CML CLL MDS
15 bis 19 91 32      
20 bis 24 44 56      
25 bis 29 33 49 30    
30 bis 34 37 67 60    
35 bis 39 49 94 58 22  
40 bis 44 43 115 58 45  
45 bis 49 43 125 68 103  
50 bis 54 45 184 90 204 180
55 bis 59 45 229 107 317  
60 bis 64 52 423 206 538 853
65 bis 69 73 478 208 624  
70 bis 74 54 580 231 735 1471
75 bis 79 51 547 236 672  
80 bis 84 28 310 158 386 820
85+ 25 307 183 483  
Summe 713 3597 1692 4127 3644

Mittelwerte der Inzidenzen 1990 - 1999 (SEER, beide Geschlechter, alle Altersklassen, weiße Hautfarbe (inkl. Kinder <15 Jahren))

Jahr ALL AML CML CLL
1990 1,5156 3,0481 1,7282 4,6819
1991 1,5244 3,3261 1,9075 4,7303
1992 1,3693 3,2497 1,7947 4,8071
1993 1,3459 3,4671 1,9141 4,3647
1994 1,2511 3,4156 1,8662 4,5151
1995 1,581 3,8061 1,8909 4,483
1996 1,4162 3,4366 1,7508 4,3699
1997 1,4218 3,6246 1,8335 4,1272
1998 1,5322 3,9672 1,5755 3,5678
1999 1,2947 3,6062 1,4855 3,1549
2000 1,4      
2001 1,4      
2002 1,5      
2003 1,4      
2004 1,5      
 
Mittelwert 1,43 3,494 1,774 4,28
Inzidenz USA 1995-1999

Inzidenz einzeln

 
Geschätzte Fälle einzelner Leukämieformen pro Jahr in der BRD

Fälle einzeln

 

Akute lymphatische Leukämie

Die akute lymphatische Leukämie zeigt die höchste Inzidenz im Kindesalter (Gipfel mit 7,5 Neuerkrankungen pro 100000 Einwohner/Jahr bei Kindern im Alter von 1-4 Jahren).
Im Erwachsenenalter liegen die Inzidenzgipfel bei Adoleszenten (< 20 Jahre) und bei älteren Patienten (>75 Jahre). Die geschätzte Gesamtzahl für Erwachsenen in Deutschland liegt bei rund 713 ALL-Fällen pro Jahr.
Die Inzidenz für alle Altersklassen ist beim männlichen Geschlecht (1,8) höher als beim weiblichen Geschlecht (1,4).

ALL Inzidenz USA 1995-1999

Inzidenz ALL

 
ALL Fälle pro Jahr in der BRD

ALL Fälle

 

Männer

Frauen

Inzidenz USA: 1,67

Inzidenz USA:1,19

(Erwachsene und Kinder)

(Erwachsene und Kinder)

Geschlechterverteilung bei der akuten lymphatischen Leukämie

Geschlechterverteilung bei ALL

Akute myeloische Leukämie

Die Inzidenz der akuten myeloischen Leukämie steigt mit dem Alter kontinuierlich an. Ebenso wie bei den anderen Formen der Leukämie, überwiegt das männliche Geschlecht.

Männer

Frauen

Inzidenz USA: 4,3

Inzidenz USA:2,9

(Erwachsene und Kinder)

(Erwachsene und Kinder)

AML Inzidenz USA 1995-1999

AML Inzidenz

 
AML Fälle pro Jahr in der BRD

AML Fälle

 

Geschlechterverteilung bei der akuten myeloischen Leukämie

Geschlechterverteilung bei AML

Chronische myeloische Leukämie

Auch bei der chronischen myeloischen Leukämie findet sich ein altersabhängiger Anstieg der Inzidenz. Die größte Zahl der Neuerkrankungen tritt im Alter von 60 bis 80 Jahren auf.
Männer sind deutlich häufiger betroffen als Frauen.

Männer

Frauen

Inzidenz USA: 2,3

Inzidenz USA:1,3

(Erwachsene und Kinder)

(Erwachsene und Kinder)

CML Inzidenz USA 1995-1999

CML Inzidenz

 
CML Fälle pro Jahr in der BRD

CML Fälle

 

Geschlechterverteilung bei chronische myeloischer Leukämie

Geschlechterverteilung bei CML

Myelodysplastische Syndrome

Für MDS liegt die Altersverteilung derzeit nur in 10Jahres-Schritten vor. Während bei jüngeren Patienten MDS sehr selten auftreten, findet man ab dem Alter von 60 Jahren einen deutlichen Anstieg der Inzidenz. Bei älteren Patienten haben MDS ähnlich hohe Inzidenzen wie die CLL.

MDS Inzidenz USA 1995-1999

MDS Inzidenz

 
MDS Fälle pro Jahr in der BRD

MDS Fälle

 

Männer

Frauen

Inzidenz USA: 5,1

Inzidenz USA:3,8

(Erwachsene und Kinder)

(Erwachsene und Kinder)

Geschlechterverteilung bei MDS

Geschlechterverteilung bei MDS

Chronische lymphatische Leukämie

Bei unter 40jährigen kommt die CLL praktisch nicht vor. Ab dem Alter von 50 Jahren steigt die Inzidenz steil an. Bei älteren Patienten ist die CLL dann die häufigste Leukämieform.
Bei der CLL ist die Häufung beim männlichen Geschlecht am stärksten ausgeprägt.

CLL Inzidenz USA 1995-1999

CLL Inzidenz

 
CLL Fälle pro Jahr in der BRD

CLL Fälle

 

Männer

Frauen

Inzidenz USA: 5,9

Inzidenz USA:3,0

(Erwachsene und Kinder)

(Erwachsene und Kinder)

Geschlechterverteilung bei chronische lymphatische Leukämie

Geschlechterverteilung bei CLL

Altersverteilung

Über 50% aller Leukämien im Erwachsenenalter treten in der Altersklasse der über 65jährigen auf. Innerhalb dieser Gruppe ist das myelodysplastische Syndrom am häufigsten.
Insgesamt sind Männer häufiger betroffen als Frauen, wobei diese Geschlechterverteilung bei CML und CLL am ausgeprägtesten ist.

Altersverteilung bei adulter Leukämie

Altersverteilung Leukämie

 
Leukämie Inzidenzien in der BRD 2000

Bevölkerung BRD 2000

 

Zusammenfassung

Nach den hier vorgelegten Schätzungen erkranken in Deutschland jährlich rund 11 800 Menschen an Leukämie, darunter 600 Kinder1.
Die häufigsten Formen der Leukämie sind die chronische lymphatische Leukämie und die Myelodysplastischen Syndrome.
Mehr als 50% aller Leukämien treten in der Altersgruppe der über 65jährigen auf.
Obwohl die Inzidenzen für das männliche Geschlecht bei allen Leukämieformen deutlich höher sind als für das weibliche Geschlecht, bestehen bezüglich der Fallzahlen - besonders in höheren Altersklassen - nur noch geringe Differenzen. Grund dafür ist u.a. die geringere Lebenserwartung der Männer.

Quellen

  • 1 Deutsches Kinderkrebsregister
  • kinderkrebsregister@imbei.uni-mainz.de; http://www.kinderkrebsregister.de.
  • 2 Arbeitsgemeinschaft Bevölkerungsbezogener Krebsregister in Deutschland (ABKD)
  • http://www.rki.de/GBE/KREBS/ABKD/ABKD.HTM
  • 3 Robert-Koch-Institut
  • http://www.rki.de/GBE/KREBS/KREBS.HTM
  • 4Projekt 21 im Kompetenznetz Leukämien:
  • Incidences of hematological malignancies in Germany and database for long-term survivors
  • 5 M. Dugas, D.Messerer, J. Hasford, T. Haferlach, B. Heinze, W. Ludwig, H. Rieder, R. Schoch, S. Schwartz, E.Thiel:
  • "The German Multicentre Study Group for Adult ALL (GMALL): Recruitment in comparison to ALL incidence and its impact on study results" Annals of Hematology; 2003; (in Druck)
  • 6 D. Messerer, M. Dugas, T. Müller, J. Hasford,
  • Universität München, Rundbrief Nr.5, Kompetenznetz Leukämien, Januar 2003: "Wie viele Patienten mit AML werden in Deutschland in klinischen Studien behandelt?"
  • 7 SEER incidence rates, age adjusted and age-specific rates (1995 - 1999) by race and sex; (whites/total)
  • http://seer.cancer.gov/
  • 8 MDS-Daten
  • Average annual incidence rates of MDS, Düsseldorf 1991 - 1997, Prof. C. Aul
  • 9 Bevölkerungszahlen BRD am 31.12.2000 (Statistisches Bundesamt)
  • http://www.destatis.de/

 

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